Am 9. August wurde die Ausstellung Edvard Munch. Angst in den Kunstsammlungen Chemnitz–Kunstsammlungen am Theaterplatz eröffnet. Die Bilder des norwegischen Künstlers treten zu den Themen Angst und Einsamkeit mit Werken von Künstler:innen, wie Max Klinger und Egon Schiele, Monica Bonvicini, Marina Abramović oder Neo Rauch in den Dialog. Wir haben mit der Kuratorin Diana Kopka gesprochen.
Die Ausstellung ist einigen Wochen eröffnet. Wie sind die ersten Rückmeldungen der Besucher:innen?
Das zentrale Feedback ist natürlich, dass viele Besucher:innen kommen und die Ausstellung sehen wollen – das freut uns sehr. Dabei ist die Stimmung nach dem Rundgang durchweg positiv. Das Wohlwollen über die gelungene Ausstellung wird deutlich, manchmal werden sogar Superlative für das Urteil verwendet. Besonders berühren mich aber auch die leisen Momente. Beispielsweise hörte ich kurz einem Gespräch auf der langen Bank auf dem Theaterplatz zu: Nach dem Rundgang saßen Mutter und Sohn dort und sprachen über ihre persönlichen Ängste.
Welche Verbindung gibt es zwischen dem Norweger Edvard Munch und Chemnitz?
1905 besuchte Edvard Munch Chemnitz. Die Textilfabrikant:innen Johanna und Herbert Eugen Esche hatten ihn eingeladen, Porträts für ihre Jugendstilvilla in der Parkstraße zu malen. 1926 traf sich Munch mit dem Direktor der Städtischen Kunstsammlungen und trug sich ins Gästebuch in Chemnitz ein. In der Zeit zwischen 1906 und 1929 gab es sechs Ausstellungen mit Werken des norwegischen Meisters. Werke für die Sammlung wurden über die Jahre hinweg geschenkt oder angekauft, darunter 1928 das Gemälde »Zwei Menschen. Die Einsamen«, das 1937 aufgrund der politischen Machtverhältnisse der NS-Zeit wiederverkauft werden musste. Nach fast 90 Jahren ist es als Leihgabe aus dem Harvard Art Museum/Busch-Reisinger Museum wieder in der Ausstellung zu sehen und wird unter anderem, wie 1929, auf unseren Plakat präsentiert, um die Einsamkeit zu thematisieren. Von diesen und weiteren Verbindungen, etwa als Karl Schmidt-Rottluff nach Norwegen reiste, erzählt die Ausstellung.
Die Ausstellung trägt den Untertitel "Angst”. Sie widmet sich einem Gefühl, dass die meisten Menschen lieber vermeiden. War Munch ein Experte für Angst?
In erster Linie war Edvard Munch ein Mensch, der liebte, lebte, Schmerz empfand. Jede:r kennt das Gefühl: die Angst vor dem Versagen, um geliebte Menschen, vor Krankheit, um die Zukunft, aber auch Einsamkeit und Eifersucht. Die Werke von Munch berühren durch ihre Bildsprache und verbinden sich mit Erfahrungen und Ängsten der Betrachter:innen. Edvard Munch schrieb dazu: »In meiner Kunst habe ich versucht, mir das Leben und seinen Sinn zu erklären. Ich hatte auch die Absicht, anderen zu helfen, ihr eigenes Leben zu verstehen.« Sicher ist er durch eigene Erfahrungen und die Hinwendung zur Kunst freiwillig oder unfreiwillig, wer weiß das schon, zum Experten der Angst geworden.
Sie thematisieren verschiedene kunsthistorische Zugänge zur Angst. Fürchten wir uns heute anders als noch vor 100 Jahren?
Angst ist ein intensives, meist sehr diffuses Gefühl. Furcht ist dagegen eine konkrete Reaktion auf eine reale Bedrohung. Wir zeigen in der Ausstellung die Arbeit »Break it/ Fix it« von Monica Bonvicini und Sam Durant, die genau mit dem Anrennen gegen die Grenzen der Sprache spielt. Darin geht es auch um die Draufsicht auf die Angst. Wichtig dabei ist und dies gilt generell für die Angst – egal ob vor 100 Jahren oder heute –, sich anderen mitzuteilen und die Sorgen und Ängste zu benennen. Handelt man aus Angst, ist sie meist eine schlechte Beraterin.
Neben Edvard Munch zeigen Sie die Arbeiten zahlreicher anderer Künstler:innen. Die Werke von Munch hängen neben Werken von Neo Rauch, Marina Abramović, Egon Schiele und anderen. Wie haben Sie ihre Auswahl getroffen?
Bewusst haben wir die Arbeiten dieser Künstler:innen in die Ausstellung genommen, weil darin die Themen Angst und Einsamkeit eindringlich benannt werden. Darüber hinaus kann man aber auch Werke der Chemnitzer Künstlerschaft entdecken, wie von Irene Bösch, Georg Dick, Michael Morgner, Osmar Osten, Steffen Volmer und Maja Wunsch, deren künstlerisches Wirken zu den Themen vereinzelt noch ungesehen ist. Viele Besucher:innen reagieren staunend auf die beiden Werke von Lenka Falušiová, in deren Waldbildern viele Facetten zu entdecken sind. Kurzum gesagt, wollten wir den Besucher:innen mit der zeitgenössischen Kunst keine Angst machen, sondern sie zum Entdecken locken.
Gäste können nicht nur die Ausstellung besuchen, sondern auch an zahlreichen Veranstaltungen rundherum teilnehmen. Was sind ihre Geheimtipps?
Auf den Vortrag »Lachen und Angst« von Carmen Goglin (08.10., 18:30), die musikalische Lesung »Herr G. hat Angst« (01.10., 18:30) mit dem Autor Torsten Glotzmann aber auch auf das Podiumsgespräch »Angst und Einsamkeit« (15.10., 18:00) freue ich mich besonders. Mein eigentlicher Geheimtipp liegt aber schon in der Vergangenheit, es war der Workshop »Schreien – aber richtig«.
Weitere Informationen zu der Ausstellung Edvard Munch. Angst finden Sie hier.